Ukraine-Helfer Georg Jachan: "Hauptsache, man tut etwas!"
vom 22.07.2022
Quelle: https://www.propferd.at/main.asp?VID=1&kat1=87&kat2=644&DDate=22072022&NID=8018&scsqs=1

Georg Jachan hilft Menschen und Tieren weltweit und seit Ausbruch des Kriegs auch mit besonderem Engagement in der Ukraine. Seine jüngste und bislang schwierigste Mission führte ihn bis an die Frontlinie im Donbass – wir haben nach seiner Rückkehr mit ihm gesprochen.


ProPferd: Wir haben in unserem ersten Interview berichtet, dass Sie weltweit Menschen, aber auch Tieren helfen – seit Ausbruch des Kriegs besonders intensiv in der Ukraine. Was ist Ihr Antrieb, Ihr Leben aufs Spiel zu setzen und bis zu den Menschen und Tieren in den Donbass vorzustoßen?

Georg Jachan: Mitgefühl und das Wissen, dass man kann, wenn man will.

ProPferd: Wer hilft Ihnen dabei, ihre umfangreichen Hilfskonvois zusammenzustellen und die zweifellos enorm schwierige Logistik auf die Beine zu stellen?

Georg Jachan: Mein/unser Netzwerk, das seit 2018 eine enorme Dimension angenommen hat. Unsere Hilfe erreicht mittlerweile die entlegensten Gebiete der Ukraine. Ich konnte bereits 2018, damals noch als Einzelperson in der Region Mariupol, Shyrokyne, Gnutowe helfen. 2018/19 habe ich acht 40 Tonner mit Sachspenden in die Ukraine bringen können, unter anderem haben wir das Odessa Jewish Hospital mit Geräten und Spitalsbedarf ausgestattet und zwei Waisenhäuser, eines davon in Luhansk, mit allem möglichen versorgen können.
Kontakte zu Militär und Politik machen es uns überhaupt erst möglich, bis in die umkämpften Gebiete zu gelangen, wo die Not am größten ist. Zudem glaube ich inzwischen, dass ich so etwas wie einen Schutzengel habe, der uns immer wieder aus unvorhersehbaren, brenzligen Situationen geholfen hat.

ProPferd: Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Georg Jachan: Ich bin ohne Bekenntnis, glaube aber an eine höhere Macht. Vor allem glaube ich daran, dass im Leben nichts zufällig passiert, dass alles, was man tut, Konsequenzen hat und dass für jeden von uns der Zahltag kommt.

ProPferd: Was ist Ihrem Hilfskonvoi im Donbass passiert?

Georg Jachan: Ziel dieser Mission war es, Katastrophennahrung von Sicca für rund 100.000 Menschen über den Dnepr in den Donbass zu bringen. Wir hatten auch andere haltbare Lebensmittel, Babynahrung, Windeln u.v.m. aus Österreich dabei. Zusätzlich kauften wir in der Metro in Dnipro ein, wo wir die ersten Freunde aus Donezk trafen, die uns bis an die Frontlinie begleiteten. Unser Plan war es, Dörfer und Siedlungen, die direkt an der Frontline lagen und völlig abgeschnitten von der Versorgung sind, mit unseren Hilfsgütern zu erreichen.
Über Pershotrawensk, wo wir ein Zwischenlager eingerichtet haben, ging es mit Carepaketen und Sicca Nahrung weiter in die Dörfer Katherinivka, Antonivka, Avdiivka und Marjinka. Ab dem letzten Checkpoint, wo wir trotz aller essentiellen Dokumente und Permits mindestens eine halbe Stunde kontrolliert wurden, hatte man das Gefühl, eine andere Welt zu betreten.... Schon die letzten Kilometer Fahrt waren gezeichnet von Verwüstung, Pulverschmauch lag in der Luft, dunkle Abgasschwaden von Panzern und anderem Militärgerät zogen durch die Luft. Immer wieder Granateinschläge und MG Salven. Wir hatten unsere schusssicheren Westen längst angezogen, Schutzbrillen und Helme auf, Mobiltelefone aus. Gefahren wurde bei offenem Fenster, dass man im Falle eines Treffers durch das berstende Glas zerfetzt werden würde. Mehrere Panzer krachten aus dem Gebüsch, querten die Piste. Vereinzelte Minenwarnschilder ließen erahnen, was wenige Meter neben der Fahrbahn vergraben sein mußte. Also ein Ort, an dem man kaum Zivilisten erwarten würde.......
Umso erstaunter waren wir, als etwa 80 Menschen vor der Ruine eines ehemaligen Greißler Ladens in Antonivka auf uns warteten. Alte Menschen, Menschen mit Behinderung, völlig verarmte Familien, zum Teil mit Kindern. Menschen die aus irgendwelchen Gründen ihre Heimat nicht verlassen wollten oder konnten. Die Stimmung bei der Verteilung lässt sich kaum in Worte fassen, zumindest kann ich es nicht. Eine ältere Dame viel mir weinend für eine Tüte Nudeln, Mehl und ein paar Konserven um den Hals. „Danke, dass Ihr uns nicht vergessen habt. Danke, dass ihr den gefährlichen Weg aus Europa auf euch genommen habt" sagte sie unter Tränen. Ich hab mit ihr geweint, war völlig überwältigt.
Obwohl ich schon in mehreren Kriegen humanitäre Hilfe geleistet habe, habe ich noch nie Dankbarkeit erwartet und nehme diese auch nicht wirklich wahr, da ich primär aus rein egoistischen Motiven helfe: Mir geht es besser, wenn ich gegen Ungerechtigkeit etwas tun kann. Hier schien alles anders. Ich habe noch nie Dankbarkeit in dieser Form erlebt. Dankbarkeit, dass Europa die Menschen nicht vergessen hat.

ProPferd: Fragen Sie und Ihre Begleiter sich eigentlich gegenseitig, ob Sie Angst haben?

Georg Jachan: Ob wir uns gegenseitig fragen, ob wir Angst haben? Ich habe ein psychiatrisches Gutachten von meinem ehemaligen Arbeitgeber – ich war 15 Jahre Exekutivbeamter in Österreich, dass ich angstbefreit sei. Völliger Schwachsinn – jeder Mensch hat irgendwelche Ängste. Bei meinem Freund und Mitstreiter Valentin bin ich mir selber nicht ganz sicher.

ProPferd: Warum?

Georg Jachan: Dazu muss ich eine Geschichte von der Front erzählen: Trotz dramatischer Bilder, Verzweiflung und Empathie für alle Menschen, die hier leben müssen oder noch immer wollen, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass Russland zur Vernunft kommt und dieser furchtbare Krieg ein Ende hat, habe ich mir angewöhnt, meinen für mich essentiellen Sinn für Humor zu bewahren. Manche Menschen mögen das anders sehen, was für mich auch ok ist. Ich bin aber auch nicht auf dieser Welt um allen Menschen zu gefallen...
Aber zurück zu meiner Geschichte: Nach unserer Verteilung in Antonivka im Oblast Donezk wurden wir von zwei russischen Drohnen gejagt, die unsere GPS Daten an die russische Artillerie in einigen Kilometern Entfernung schicken sollten. Zum Glück achtet das ukrainische Militär auf uns und konnte die beiden Scheißdinger rechtzeitig, wenige hundert Meter hinter uns, abschießen.
Ich schaute meinen langjährigen Freund und Mitstreiter Valentin aus Rumänien an, der neben mir auf der Autorückbank saß und fragte ihn, ob er denn Angst hätte......
Seine Antwort " Ne hab ich nicht - ich hab da so ne Stress-APP pp am Handy. Die sagt gerade 29% von 100%. Geht also!"
Ich denke halblaut "Alles klar, Vampire (zur Erinnerung, Valentin ist aus Rumänien, Anm. der Redaktion) brauchen keine Angst haben, die sterben ohnehin nie." Seitem stelle ich Valentin wie folgt vor: "це мій друг валентин маленький дракула. Вампіри не бояться смерті" übersetzt etwa "Das ist mein Freund Valentin, Klein-Dracula. Vampire habe keine Angst vor dem Tod.“
Im Ernst: Valentin Hübner ist einer der coolsten, einfühlsamsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich in meinem Leben kennen gelernt hab. Ein tief gläubiger Mann, der nie jemanden im Stich lassen würde. Einer der für andere Menschen alles tut, um deren Leid zu lindern. Ich bin froh und stolz darauf, dass ich Valentin zu meinen besten Freunden zählen darf.

ProPferd: Sie haben unlängst auf Ihrer Facebookseite ein Statement gepostet, das viel Resonanz ausgelöst hat. Wir dürfen zitieren: „Wenn wir im Donbass humanitäre Hilfe leisten, fragen wir nicht, ob jemand pro Russland oder pro Ukraine ist. Wir helfen allen Zivilisten.“ Welche klare Botschaft richten Sie hier an uns?

Georg Jachan: Wir helfen allen! Humanitäre Hilfe gilt für Pro-Russen und Pro-Ukrainer. Essen und Erste Hilfe gibt es aber auch für Soldaten. Ohne ukrainisches Militär und dessen Hilfe, kämen wir nie bis an die Front und vor allem nicht lebend zurück. Ehrlich gesagt würde ich auch einem Russen, Tschetschenen oder sonst wem, wenn er die Waffe niederlegt, helfen. Es ist hier nicht unsere Aufgabe über Recht und Unrecht zu urteilen. Humanitäre Hilfe, muss für jeden gleich gelten. Würden wir werten, verlieren wir unsere Menschlichkeit, die in unserer Welt ohnedies zu kurz kommt.
Ich bin nicht auf der Welt, um allen Menschen zu gefallen. Wenn jemand meine Art des Helfens nicht gefällt steht es ihm frei, wo anders zu helfen. Hauptsache man tut etwas :-)

ProPferd: Bevor Sie Ihre waghalsige Reise in den Donbass angetreten sind, haben Sie kürzlich persönlich Spielsachen, Bücher und Süßigkeiten auf die Kinder-und Palliativstation im Krankenhaus Krems in Niederösterreich gebracht. Wen unterstützen wir alles mit unseren Spenden über Ihren „Verein für weltweite Nothilfe“?

Georg Jachan: Einfach gesagt: Wir helfen dort, wo Bedarf ist. Nach genauer Prüfung und Rücksprache mit den Menschen vor Ort helfen wir pragmatisch und vor allem schnell ohne viel Bürokratie. Voraussetzung für Hilfe ist auch ein verfügbares oder bestehendes Netzwerk. Ich denke, dass eine Ngo nur so gut ist wie ihr Netzwerk und Ihre Mitarbeitern und Unterstützer. Mein Lieblingssatz mittlerweile ist: "Networking ist alles" bewahrheitet sich praktisch täglich.
Die Unterstützung für die Kinder und Palliativstation des LKH Krems ergab sich aus einer Buchspende deutschsprachiger Kinderbücher, die in der Ukraine, in Rumänien oder sonst wo keinen Sinn gemacht hätte. Über Kontakte aus dem Krankenhaus wissen wir, dass Bücher und Spielzeug immer wieder Freude bereiten und nur spärlich verfügbar sind.
Wir hatten bis dato Projekte für Menschen in Not in Griechenland, in Bosnien, in Kroatien, in Rumänien, im Irak, in Afghanistan, Pakistan, auf Lombok/Indonesinen(Erdbeben), in Bangladesh (Rohingyakrise), in Uganda. Aktuell liegt unser Fokus auf Hilfe in der Ukraine und in Rumänien.
Man kann bei unserem Verein für weltweite Nothilfe übrigens auch causal spenden. Ist für uns nicht immer ganz einfach, aber wir schaffen auch das.

ProPferd: Wie würden Ihre Freunde Sie beschreiben, die Sie mit in den Donbass begleiten und all die dramatischen Momente und Bilder verzweifelter Menschen und Tiere mit Ihnen teilen?

Georg Jachan: Meine Freunde, die mit mir in den Donbass fahren und dort helfen, wie ich, sind vermutlich aus dem selben Holz geschnitzt. Wir können alle nicht zusehen, wenn unschuldige Menschen leiden müssen, nur weil die Politik unfähig ist, diplomatische Lösungen zu finden. Ich denke, dass ich für alle spreche, wenn ich sage, dass wir die Demokratie – trotz allen Fehlern, Korruption u.a. –  um keinen Preis gegen ein autokratisches System tauschen wollen. Meinungsfreiheit muss ein Grundrecht bleiben, auch wenn man mit anderen Meinungen nicht einverstanden ist. Wir sind uns auch alle einig, dass Humanität und gelebte Nächstenliebe tragende Säulen unserer Gesellschaft sind, die es um jeden Preis zu wahren gilt. Fazit: Wir gehen unseren Weg weiter, egal wie hoch der Preis hierfür ist.

ProPferd: Welche anderen Hilfsorganisationen vertrauen auf Ihre scheinbar niemals endende Hilfsbereitschaft und arbeiten mit Ihnen zusammen?

Georg Jachan: Unser beharrliches Schaffen und unsere Transparenz animiert immer mehr gr0ße Organisationen, uns zu unterstützen. Aktuell werden wir von Caritas, Hilfswerk, dem Roten Kreuz, der Internationalen Police Association, von lokalen Ngos, dem Frankenkonvoi, BauernhelfenBauern Salzburg und einigen Stiftungen, wie Future4children unterstützt, aber auch von großen Firmen wie Unite.eu.

ProPferd: Sie haben längst über 1000 Projekte nachhaltig umgesetzt. Menschen in den jeweiligen Ländern zur weiteren Hilfe vor Ort etabliert. Steinig und schwer, lebensbedrohend aber auch geprägt von Dankbarkeit war Ihr erneuter Einsatz in der Ukraine bis in den Donbass. Wohin geht Ihr persönlicher nächster Einsatz?

Georg Jachan: Aktuell und fortlaufend sind unsere Hilfsprojekte in Rumänien, wo wir mittlerweile rund 10.000 Menschen mit dem Notwendigsten versorgen. Wir kümmern uns um völlig verarmte Romasiedlungen im Kreis Arad, versogen 2 Obdachlosenheime und 2 Altenheime mit dem Notwendigsten, arbeiten mit einem Verein zusammen, der sich um behinderte Menschen kümmert, und einer Tierarztpraxis in Arad, die Strassenhunde und Katzen unentgeltlich kastriert und versorgt. Auch in Rumänien wachsen wir stetig und es kommen laufend Projekte hinzu. Wir haben ein Hilfsprojekt für verarmte Menschen und Menschen mit Behinderung - mit Hauptagenmerk auf Kinder – in Bosnien, ein Projekt für Waisenkinder in Uganda, helfen aber auch Menschen in Not in Österreich
Unser Hauptaugenmerk gilt aus naheliegenden Gründen aktuell den Menschen und Tieren in der Ukraine. Besonders in Osten ist der Bedarf enorm. Wir kümmern uns aber auch um geflüchtete Menschen in Rumänien und in Österreich. Unser Grundsatz: Wir helfen, wo auch immer Handlungsbedarf ist, vorausgestzt, dass wir verlässliche Kontakte und Freunde und ein entsprechendes Netzwerk vor Ort haben.

ProPferd: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch – weiter alles Gute, und passen Sie auf sich auf!